ÖKOWORLD FOR FUTURE Wasserpreis 2020 – Die Jury Wir stellen vor: Juror Marc Winkelmann

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Gemeinsam mit Dr. Martina Winker und Prof. Burkhard Teichgräber bildet Marc Winkelmann, ein freier Journalist mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit, Digitalisierung und neues Arbeiten, die Jury des ÖKOWORLD WATER FOR FUTURE Wasserpreises 2020.

Sie möchten sich ein besseres Bild von Marc Winkelmann und seinen journalistischen Interessensgebieten machen? Nachfolgend ein Artikel von Marc Winkelmann zu dem Thema Klimawandel und Digitalisierung während Covid-19-Zeiten:

Smarte Übernutzung

Paradoxe Digitalisierung: Big Data, Künstliche Intelligenz und Blockchain tragen zunehmend zur Klimaerhitzung bei – und treiben zugleich den nachhaltigen Wandel voran.

Es gab Befürchtungen, dass unsere Netze das nicht aushalten. Dass sie während der Corona-Krise in die Knie gehen würden durch all die Videochats mit den Arbeitskollegen und Großeltern, durch Netflix, Spotify, Spiele, E-Mails, Homeschooling und Youporn. 9,16 Terrabit Daten pro Sekunde wurden zum Beginn des „Lockdowns“ in der Spitze am Internetknoten in Frankfurt/Main durch die Leitungen geschossen –Weltrekord. Gelitten hat die Infrastruktur aber nicht. Die Sorgen waren unberechtigt. Die Netze, Server und Rechenzentren hielten durch.

Fraglich ist trotzdem, ob das ein Grund zum Jubeln ist.

Denn, so leicht und angenehm vieles durch die Digitalisierung wird: Jede Zoom-Konferenz und jedes zusätzliche Smartphone haben negative Folgen. Der Verbrauch von Ressourcen und Energie steigt, und weil letztere häufig noch aus fossilen Quellen gewonnen wird, nimmt der CO2-Ausstoß zu.

Eigentlich lautete das Versprechen anders. Es hieß, dass die Digitalisierung unseren Konsum dematerialisiert und damit per se nachhaltiger macht. Betrachtet man einzelne Beispiele, gilt das auch nach wie vor. So ist es etwa ökologischer, eine Serie zu Streamen anstatt dafür DVDs herstellen, diese transportieren und über Videotheken vertreiben zu müssen. Zu denen die Kunden mit dem Auto fahren. Und wofür sie ein Gerät kaufen müssen, das nichts anderes kann als eine DVD abzuspielen. Aber: Mit den neuen digitalen Möglichkeiten explodiert die Nachfrage. Die Nutzung wächst exponentiell. Während sich die Zahl der weltweiten User seit 2010 verdoppelte, wuchs der Datenverkehr im gleichen Zeitraum um das zwölffache. Allein bei YouTube werden mehr als 500 Stunden neues Material hochgeladen. Pro Minute.

Noch verursacht die Digitalisierung im Vergleich zum Flug- und Autoverkehr oder zur Landwirtschaft vergleichsweise wenig Kohlendioxid und Effizienzsteigerungen – etwa bei Servern in Rechenzentren – tragen dazu bei, die Auswirkungen zu begrenzen. Ob das aber auch in Zukunft gelingt, ist offen. Das Integrieren von Cloud Computing, Künstlicher Intelligenz, Blockchain und autonomen Fahrzeugen in unseren Alltag hat gerade erst begonnen – und sie werden den Verbrauch weiter anheizen. Laut Forschern der University of Massachusetts kann das Trainieren von Sprachassistenten wie „Alexa“ so viel CO2 nach sich ziehen wie 125 Flüge von New York nach Beijing und zurück. Es sind Zahlen wie diese, die den WBGU, einen Beirat der Bundesregierung, im vergangenen Jahr zu einer drastischen Warnung veranlasste. Läuft die Digitalisierung so unreguliert weiter wie bisher, droht sie, „als Brandbeschleuniger von Wachstumsmustern zu wirken, die die planetarischen Leitplanken durchbrechen“. Und: „Nur wenn es gelingt, die digitalen Umbrüche in Richtung Nachhaltigkeit auszurichten, kann die Nachhaltigkeitstransformation gelingen.“

Steuern wir jetzt also nicht nur auf eine Klimakatastrophe zu, sondern auch auf eine digital befeuerte? Die wir zudem noch übersehen, weil wir damit beschäftigt sind, laufend auf unsere Smartphones zu starren?

Es gibt Lichtblicke. Immer mehr Forscher und Untersuchungen kommen zugleich zu dem Ergebnis, dass die Technologien der vierten industriellen Revolution („4IR“) einen wichtigen Beitrag zur Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten können – wie bei der Energiewende, die für das dezentrale Erzeugen und bundesweite Verteilen von Strom auf „smart Grids“ angewiesen ist, auf intelligente Netze. Das Weltwirtschaftsforum erklärte kürzlich, dass 4IR einen „hohen Impact“ auf 10 der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele haben könnten – etwa durch Drohnen, die gezielt die Wiederaufforstung von Wäldern unterstützen; durch Künstliche Intelligenzen, die den Schiffsverkehr analysieren und illegale Überfischung aufdecken; oder durch 3D-Drucker, die Gebäude fertigen. Der bereits erwähnte Beirat WBGU hält die Digitalisierung ebenfalls für nicht nur schädlich, sondern sieht in ihr einen Weg, bestehende gesellschaftliche Probleme zu lösen – indem beispielsweise Ideen wie die Kreislaufwirtschaft oder die Sharing Economy endlich flächendeckend angewendet werden. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert neuerdings digital-nachhaltige Start-ups. Und Techkonzerne wie Google, IBM, Amazon und Microsoft sind ebenfalls mit dabei. Sie haben die sogenannten „Tech for Good“-Projekte für sich entdeckt und fördern ausgewählte Konzepte, Initiativen und Unternehmen mit ihrem Know-how.

In der Geschichte der Innovationen ist es nach der Erfindung einer effizienteren Technologie sehr häufig zur Übernutzung gekommen. Die mögliche Ersparnis wurde durch Mehrkonsum zunichte gemacht und die Ausbeutung von Ressourcen noch weiter auf die Spitze getrieben. Dagegen haben Forscher in den vergangenen mehr als 150 Jahren bisher kein Rezept entwickelt; solange ist dieser „Reboundeffekt“ bereits bekannt. Aber wer weiß: Vielleicht findet sich dafür in nicht allzu ferner Zukunft ebenfalls eine Künstliche Intelligenz, die das Problem löst. Das wäre dann tatsächlich einmal „smart“.

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